Der Einsteinturm von Erich Mendelsohn

Denkmal expressionistischer Architektur dank der Relativitätstheorie

28.08.2008 Katrin Braun

Weiß und erhaben wie eine Skulptur mit schlichten Rundungen. Der Turm ist ein gewagtes Konstrukt der Zwanziger Jahre. Und die Bauweise ließ das Gebäude ernsthaft bröckeln

Man müsse ein ganzer Mensch werden, entgegnete Mendelsohn einem Architekturstudenten auf die Frage, welche Eigenschaften man benötigte, ein guter Architekt zu werden. Mendelsohn legte neben seinem Beruf als Architekt viel Wert auf ganzheitliche Bildung und lebte dies auch. Kunst, Musik, Philosophie und auch Politik und Wirtschaft waren ihm wichtige Themen, mit denen er sich auseinandersetzte.

Ein Turm für die Relativitätstheorie

Der große Ehrgeiz, Einsteins Relativitätstheorie zu beweisen, bewog Astrophysiker Erwin Finlay Freundlich dazu, den Entwurf eines Observatoriums, des Einsteinturms in Potsdam, in Auftrag zu geben. Bereits an der Front erarbeitete Mendelsohn Skizzen und präsentierte seinem Autraggeber im Sommer 1919 erste Entwürfe. Widerstände des Hochbauamts zwangen Mendelsohn dazu, weitere Pläne anzufertigen. Erst der sechste Entwurf ließ den Bau zu. August 1921 stand der Rohbau, und bereits im Januar 1922 begannen die Arbeiten im Laboratorium. Offiziell weihte man den Turm erst 1924 ein.

Vom Zweckbau zum Denkmal

Noch vor Beginn der Bauphase hebelten Untersuchungen in England den Zweck des Turms aus. Wissenschaftliche Messreihen bewiesen im Jahr 1919, was Bauherr Freundlich in Potsdam erforschen wollte. Da man zahlreiche Spenden für das Gebäude ergattert hatte, funktionierte man es stillschweigend um. Man widmetet es von nun an Albert Einstein, der Astrophysik, der Bedeutung der Wissenschaft.

Gewagter Entwurf - verhehrende Wirkung

Der Turm wirkt rein äußerlich wie aus einem Material gegossen. Ohne Ornamente aber skulpturenhaft, mit runden Elementen. Die Vermutung liegt daher nahe, der Turm sei aus Beton gefertigt. Lange ging die Literatur von dieser Theorie aus. Mendelsohn selbst schwieg sich darüber zeitlebens aus. In Wahrheit ist der Turm aus Backsteinen hergestellt, nur wenig ist mit Beton ausgegossen. Um 1920 war der Baustoff Zement in Deutschland Mangelware und sehr teuer. Gegen das Hochbauamt hatte sich Mendelsohn in einigen Details durchgesetzt. Die Unerfahrenheit des junge Architekten hatte einige Sanierungstätigkeiten ergeben. Schon 1927 machte sich Feuchtigkeit in den Mauern breit, Roststellen und Risse enstanden. Man überstrich daher die ockerfarbene Fassade mit einer weißen Schutzschicht, setzte Fensterbänke und das Kuppeldach aus Blech ein.

Meilenstein expressionistischer Architektur

Der Einsteinturm ist das Markenzeichen schlechthin für Expressionismus in der Architektur. Sowohl zeitgenössische Kollegenkritik im Hinblick auf zu wenig ingenieurgerechte Durchdachtheit, als auch Zuspruch für Genialität nahm Mendelsohn entgegen. Übrigens dient das Gebäude noch heute als Institut der Atom- und Sonnenphysik. Seit 1999 erstrahlt es in neuem alten Glanz. Gemäß seines Ursprungszustandes sanierte man den Turm mit modernster Bautechnik. Im Inneren bemühte man sich, teilweise erhaltene Details aufrecht zu erhalten. Für den Laien spielen sich dort absonderliche Vorgänge ab. Mit einem Coelostaten fängt man Lichtstrahlen, um diese in den Keller und im rechten Winkel in den Spektrografenraum zu lenken. Damit die Messungen authentisch sind, muss die Temperatur im Raum konstant sein, weshalb der Boden mit Erde aufgeschüttet ist.

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